Tourenplanung für Menschen mit Höhenangst

Wenn es bei der Tourenplanung um die Beschaffenheit der Wanderwege geht, gibt es zwei elementare Fragen: „Was erwartet mich?“ „Und kann ich das?“. Die mittlerweile genormte Bewertung der Wanderwegen in den Bergen bietet dabei die beste und objektivste Einschätzung der Herausforderungen.

Bewertung von Wanderwegen in den Bergen

Allgemeines & Besonderheiten bei Touren für Höhenängstler

Besonderheit bei der Planung von Touren für Menschen mit Höhenangst ist es, möglichst vor Beginn der Tour abzuschätzen in welchem Maß meine Höhenangst einen auf der gewählten Wanderung beeinträchtigen kann. Eine sorgfältige und möglichst umfassende Tourenplanung ist daher von großer Bedeutung.

Tourenplanung – Mittlerweile gibt es zahlreiche Möglichkeiten sich über Wander- und Bergtouren zu informieren – direkt beim Deutschen Alpenverein, im Internet oder in entsprechenden Wanderführern. Allerdings ist hier schon die erste Hürde zu nehmen. Kaum eine Tourenbeschreibung ist für Menschen mit Höhenangst ausgelegt. Bergtouren ohne Abgrund – Schwindelfrei Wandern ist einer der sehr wenigen Wanderführer die etwas in Richtung Höhenangst bieten.

Die Gehzeiten & Höhenangaben in den Wanderführern sind in der Regel defensiv ausgelegt. Pro Stunde im Schnitt 200 bis 300 Höhenmeter zu bewältigen (reine Gehzeit) ist ein guter Durchschnittswert, an dem du dich für deine Tourenplanung orientieren kannst. Grundsätzlich gilt, lieber Reserven einplanen für etwaige anspruchsvoller Wegstellen. Mehr zum Thema Gehzeiten und der Bewertung von Wanderwegen weiter unten

Beginne die Wandersaison lieber erst einmal mit einer kleineren Tour mit wenig Höhenmetern. Kleine Touren bedeuten nicht zwangsläufig weniger Wanderfreuden. Es gibt viele kleine Wanderungen und Gipfel von wo aus sich die großen schönen Berge bestaunen lassen. Wichtig bei der Zeitplanung für die Tour sind entsprechend viele und regelmäßige Pausen, alle 30 bis 45 Minuten, auch wenn das Gelände noch nicht so anspruchsvoll ist. Regelmäßig ein kleiner Snack und ein Schluck aus der Wasserflasche schützen effektiv vor Unterversorgung.

Als Wanderkarte empfehlen wir die des Deutschen Alpenvereins. Für die Bayerischen Alpen gibt es speziell eine 22 Karten umfassende Serie, welche zusammen mit dem Landesamt für Vermessung und Geoinformation Bayern realisiert wurde. Karten mit einem Maßstab höher als 1:25 000 sind für Touren in den Bergen nicht zu empfehlen.

Gibt es für die Wandertour keinen Gps-Track, möchte man aber dennoch die Distanz bestimmen, so ist ein Kartenmesser* ein gutes Tool um Entfernungen auf Wanderkarten zu messen. Je enger die Höhenlinien beieinander liegen um so steiler ist es. Wie steil genau lässt sich mit einem Planzeiger* abschätzen. Vor allem für Touren im Winter ein sehr nützliches Tool.

Partner-/Gruppenwahl – Die wichtigste Frage hierbei ist, „Was möchte ich und was tut mir gut?“. In diesem Punkt kannst du gerne zuerst an dich selbst denken. Denn die Wanderung wird erst dann richtig freudig und spaßvoll, wenn alle Beteiligen mit gleichen oder ähnlichen Erwartungen an die Tour heran gehen. Die Erwartungshaltung von außen (Partner oder Gruppe) kann zu einer unnötigen Belastung auf der Wanderung werden, vor allem wenn du eine schwierige Stelle zu bewältigen hast.

Im bestem Fall kennt dein Partner oder jemand aus deiner Wandergruppe deine Sorge und kann dich bei Bedarf unterstützten mit deiner Höhenangst um zugehen. Wenn das noch nicht der Fall ist, wäre vielleicht ein Partnercoaching für euch geeignet.

Direkte Vorbereitung zur Tour – Alles dabei? Essen, Trinken, Regenbekleidung etc.? Diese Frage sollte nicht erst auf dem Parkplatz aufkommen wenn ein Großteil deiner Gruppe schon unterwegs ist und du noch deine Ausrüstung zusammen suchen musst. Nimm dir am Abend davor ausreichend Zeit deine Ausrüstung zu checken, alles ordentlich im Rucksack zu verpacken und die Brotzeit für die morgige Wanderung vorzubereiten.

Soweit möglich, sei lieber ein paar Minuten früher am Treff- & Ausgangspunkte. So hast du genügend Zeit deine Wanderschuhe zu binden, noch einen kleinen Snack und etwas zu trinken zu dir zu nehmen, bevor es dann in freudiger Erwartung los gehen kann.

Bewertung von Wanderwegen in den Bergen

Im Folgenden stellen wir dir zwei Bewertungssysteme vor. Zum einem die SAC-Wanderwegskala und zum anderem die Wegekategorien nach dem AV-Bergwegekonzept des DAV & OeAV.

Die SAC-Wanderskala zur Bewertung von Bergwanderwegen

Die SAC-Wanderskala wurde vom Schweizer Alpen-Club (SAC) 2002 eingeführt und bewertet Bergwanderwege in sechs verschiedenen Kategorien nach Weg / Gelände und den daraus resultierenden Anforderungen.

Grad Weg-/Geländebeschaffenheit Anforderungen
T1

Wandern

Weg gut gebahnt. Falls vorhanden, sind exponierte Stellen sehr gut gesichert. Absturzgefahr kann bei normalen Verhalten weitgehend ausgeschlossen werden. Keine, auch mit Turnschuhen geeignet. Orientierung problemlos, in der Regel auch ohne Karte möglich.
T2

Bergwandern

Weg mit durchgehendem Trassee. Gelände teilweise steil, Absturzgefahr nicht ausgeschlossen. Etwas Trittsicherheit. Trekkingschuhe sind empfehlenswert. Elementares Orientierungsvermögen
T3

anspruchsvolles

Bergwandern

Weg am Boden nicht unbedingt durchgehend sichtbar. Ausgesetzte Stellen können mit Seilen oder Ketten gesichert sein. Eventuell braucht man die Hände fürs Gleichgewicht. Zum Teil exponierte Stellen mit Absturzgefahr, Geröllflächen, weglose Schrofen. Gute Trittsicherheit. Gute Trekkingschuhe. Durchschnittliches Orientierungsvermögen. Elementare alpine Erfahrung
T4

Alpinwandern

Wegspur nicht zwingend vorhanden. An gewissen Stellen braucht es die Hände zum Vorwärtskommen. Gelände bereits recht exponiert, heikle Grashalden, Schrofen, einfache Firnfelder und apere Gletscherpassagen. Vertrautheit mit exponiertem Gelände. Stabile Trekkingschuhe. Gewisse Geländebeurteilung und gutes Orientierungsvermögen. Alpine Erfahrung. Bei Wettersturz kann ein Rückzug schwierig werden
T5

anspruchsvolles

Alpinwandern

Oft weglos. Einzelne einfache Kletterstellen. Exponiert, anspruchsvolles Gelände, steile Schrofen. Apere Gletscher und Firnfelder mit Ausrutschgefahr. Bergschuhe. Sichere Geländebeurteilung und sehr gutes Orientierungsvermögen. Gute Alpinerfahrung im hochalpinen Gelände. Elementare Kenntnisse im Umgang mit Pickel und Seil.
T6

schwieriges

Alpinwandern

Meist weglos. Kletterstellen bis II. Häufig sehr exponiert. Heikles Schrofengelände. Apere Gletscher mit erhöhter Ausrutschgefahr. Meist nicht markiert.Ausgezeichnetes Orientierungsvermögen. Ausgereifte Alpinerfahrung und Vertrautheit im Umgang mit alpintechischen Hilfsmitteln.

DAV Wegekategorien – AV Bergwegekonzept

In Koopertaion mit dem OeAV wurde das AV-Bergwegekonzept entwickelt. Wie auf die Skipiste werden Bergwanderwege in die drei Kategorien einfach (blau), mittelschwer (rot), schwer (schwarz) unterteilt. Diese sind auf den gelben Wegweisern vor dem Tourenziel angebracht und werden durch die Zeitangabe und für die Wege zuständige Sektion komplettiert.

blau Einfache Bergwege sind überwiegend schmal, können steil angelegt sein und weisen keine absturzgefährlichen Passagen auf.
rot Mittelschwere Bergwege sind überwiegend schmal, oft steil angelegt und können absturzgefährliche Passagen aufweisen. Es können zudem kurze versicherte Passagen vorkommen.
schwarz Schwere Bergwege sind schmal, oft steil angelegt und absturzgefährlich. Es kommen zudem gehäuft versicherte Gehpassagen und/oder einfache Kletterstellen vor, die den Gebrauch der Hände erfordern. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind unbedingt erforderlich.

Gehzeiten nach der Norm DIN 33466

Auf vielen Wegweisern werden neben dem Tourenziel und dem Schwierigkeitsgrad Gehzeiten mit angegeben. Diese werden nach der Formel gemäß der DIN 33466 angegeben:

  • 300 hm pro Stunde (bergauf)
  • 500 hm pro Stunde (bergab)
  • + 1/2 Stunde je 4 km Entfernung

Die genormten Gehzeiten dienen grob als Anhalt. Der Umfang umschließt nur die reine Gehzeit, ohne Pausen oder andere Verzögerungen. Notiere dir bei deiner nächsten Wanderungen wieviel Zeit du benötigst für bergauf, bergab und auf einer Distanz von 4 Kilometern und lasse die Ergebnisse in deine zukünftige Tourenplanung mit einfließen.

Weitere Informationen & hilfreiche Tipps gibts auf der Website des DAV.

Grenzen der Schwierigkeitsgrade beim Bergwandern

Bei der Bewertung der Schwierigkeitsgrade von Bergwanderwegen handelt es sich um eine rein technische Beurteilung. Sie gibt nur Auskunft über das Gelände und die Voraussetzungen zur Bewältigung. Subjektive Ängste, wie zum Beispiel Sturzangst, Höhenschwindel oder Höhenangst werden bei dieser Skala nicht berücksichtigt. Eine objektive Beurteilung für Höhenängstler von zu erwartenden schwierigen Passagen ist nicht möglich. Bei jedem tritt Höhenangst in einer anderen Form & Ausprägung zu Tage, welche nicht vergleichbar und somit nicht allgemein einschätzbar ist.

Resümee & Nutzen von Bewertungen beim Bergwandern

Auch wenn die subjektiven Schwierigkeiten von eventuell auftretender Höhenangst bei der Bewertung der Schwierigkeitsgrade von Bergwanderwegen nicht berücksichtigt werden können, ist sie trotzalledem ein zentrales Element der Tourenplanung. Sie gibt an, welche Anforderungen an dich bei einer Bergwanderung gestellt werden. Mit zunehmender Erfahrung und dem Vergleich von gleichwertig bewerteten Wanderungen nach der Skala T1 bis T6 und der Farbkodierung (blau, rot, schwarz), lässt sich vorab gut einschätzen wie schwierig die Wanderung wird.

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